Museumsverein Hohenwestedt e.V.

Unsere Exponate 2016

Das Nadelkissen in der Tigermuschel

Etwas ganz Besonderes hat Frau Ute Möller aus Jahrsdorf dem Heimatmuseum am 24. März diesen Jahres vermacht: das Nadelkissen ihrer Urgroßmutter Anna Rohwer, geb. Rathjen, die dieses als Geschenk zum 21. Geburtstag am 26.4.1893 erhielt. Das Besondere an diesem 123 Jahre alten Nadelkissen ist, dass es in eine Tigermuschel eingearbeitet ist. Seine Größe beträgt 9,5 x 5,5 x 5,5 cm.

 

Ein Nadelkissen ist ein kleines, zirka 30 qcm großes Kissen, das mit weichem Material (Stoffreste, Watte) gefüllt ist. Es wird häufig aus Filz oder besticktem Stramin hergestellt.

 

Das Nadelkissen dient der Aufbewahrung von Nähnadeln, die in das Nadelkissen gesteckt werden, um Verletzungen durch versehentliches Greifen auf die Spitze der Nadel auszuschließen. Die Unterseite als Standfläche des Nadelkissens ist meist aus einem Stück steifen Kartons gefertigt.

 

Nadelkissen kamen erst auf, als Nadeln als Industrieprodukt billig wurden und durch Vernickeln oder Verchromen gegen Rost geschützt werden konnten. Vorher waren Nadeln wertvoll und wurden zum Beispiel in kleinen mit Fett gefüllten Büchsen aufbewahrt.

 

Margarete Steiff nähte nach einem Schnittmuster aus der Zeitschrift Modenwelt vom 8. Dezember 1879 ein Nadelkissen in Elefantenform. Dieses „Elefäntle“ war bald als Spielzeug beliebt und bildete den Grundstein für das deutsche Spielwarenunternehmen Steiff.

 

Die Tigermuschel (Cypraea tigris) gehört zur Familie der Kaurischnecken. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Ostküste Afrikas über den gesamten Indischen Ozean bis zur Südsee. Sie ist verhältnismäßig groß und schwer. Die Zeichnung des Gehäuses variiert stark. Punkte sind jedoch immer vorhanden. Bei einigen Individuen sind es nur sehr wenige, bei manchen so viele, dass das Gehäuse ganz bedeckt ist. Die Unterseite, einschließlich der Zähne, ist immer weiß. Der Mantel des lebenden Tieres ist durchschimmernd und zeigt ein zebraartiges Muster.

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Hohenwestedt unter Claus und Detlef Hauschildt eine Muschelindustrie. Sie verzierten Schnecken und Muscheln, die sie zum Teil aus südlichen Ländern importierten, und versahen sie mit Inschriften und verarbeiteten sie zu Souvenirs oder Geschenken weiter. Diese wurden in die Kalkkörper der Tiere eingeätzt. Die fertigen Produkte vertrieb man in ganz Deutschland. Beim Bau seines Hauses 1901 in der Lindenstraße ließ Detlef Hauschildt einige Muster seiner Kollektion an der Fassade seines Gebäudes anbringen.

 

Interview mit Ute Möller am 4.10.2016:

Die Urgroßmutter von Ute hieß Anna Rohwer, geb. Rathjen. Sie wurde am 26.4.1872 geboren und lebte bis 1960 auf dem Hof in Jahrsdorf, auf dem ihre Urenkelin Ute Möller, geb. Neben, heute noch wohnt. Anna Rohwer bekam das Nadelkissen zum 21. Geburtstag, ihrer Volljährigkeit, geschenkt. Es kann vermutet werden, dass derartige Geschenke zu der damaligen Zeit etwas Besonderes in Hohenwestedt waren, kamen sie doch aus der Muschelproduktion von Detlef Hauschildt. Außerdem war so ein Kissen vielleicht auch Teil der Ausstattung für junge Mädchen. Nadeln waren noch kostbar und mussten gut aufgehoben werden. Ob Anna Rohwer gerne handarbeitete, ist Ute nicht bekannt. Sicher ist es damals noch so gewesen, dass Kleidung vielfach selbst hergestellt und später auch ausgebessert wurde, weil das Kaufen von Kleidung sicher nicht billig und auch nicht überall möglich war. So wurde das besondere Nadelkissen von Generation zu Generation weiter gegeben, bis es bei Ute Möller landete. Es stand jahrelang in einem alten Schrank im Wohnzimmer, gut sichtbar und dekorativ. Als Ute Möller viele weitere Muschelexponate von Detlef Hauschildt im Heimatmuseum entdeckte, fand sie, dass hier der richtige Platz für das erhaltenswerte Nadelkissen in der Tigermuschel sei und schenkte es dem Heimatmuseum, das nun um ein besonderes, altes Stück reicher ist.

 

Hellmuth Allais

Hohenwestedter Terrine

Das heutige Exponat soll den Leser auf die bevorstehende Ausstellung im Heimatmuseum anlässlich der Hohenwestedt-Woche 2016 hinweisen. Dort wird am Samstag, den 27. August um 15 Uhr die Ausstellung „Töpfer- und Ziegeleiwaren aus Hohenwestedt und Umgebung“ eröffnet, in der auch dieses Exponat neben vielen anderen Töpferwaren aus dem hiesigen Heimatgebiet zu sehen sein wird.

So ist die ausgewählte Terrine mit Deckel, die im 1.Stock des Heimatmuseums steht, im Jahre 1861 in der Hohenwestedter Töpferei von Karsten Kühl entstanden. Sie ist 11,3 cm hoch und hat einen Durchmesser von 22 cm. Dazu kommt der Deckel mit einer Höhe von 7,5 cm und einem Durchmesser von 20,5 cm. Die Schüssel besteht aus gebranntem Ton und ist grün, hell- und dunkelbraun glasiert auf gelbem Grund. Sie hat eine bauchige Form mit einem abgesetzten Rand, der mit Punkten versehen ist. Der Schüsselkörper trägt eingravierte Blumenranken und zwei aufgesetzte geflochtene Henkel. Der hochgewölbte Deckel hat einen geriffelten Rand, trägt ebenfalls eingravierte Blumenranken und besitzt oben einen Griffknauf. Auf der einen Seite der Schüssel findet sich ein Herz mit der Inschrift: „M Deisig in Hohenwestedt 1861“. Margarete Deisig war die Schwägerin von Karsten Kühl, woraus sich auf die Herkunft schließen lässt.

Dass gerade die schmuckvollsten Stücke für private Zwecke gearbeitet wurden, ist sicher kein Zufall. Man muss annehmen, dass die Töpfer nur wenig derartige Aufträge aus ihrem Kundenkreis bekamen; vielleicht weil zu dieser Zeit (um 1860) die handgefertigte Zierkeramik nicht mehr den einstigen Prestigewert hatte und von den modernen Konkurrenzmaterialien wie Steinzeug, Porzellan und Metall abgelöst wurde. Für einen Töpfer war es aber eine Möglichkeit, ein besonderes Geschenk zu machen. Im Übrigen waren Geschirrteile mit Widmungen und Inschriften sehr modern und wurden lange als Erinnerungsstücke aufbewahrt, was zahlreiche Teller und Tassen aus dem Museumsinventar belegen. Dass ein großer Anteil der im Museum vorhandenen Töpferwaren Zierkeramiken sind, liegt daran, dass dieses Sonntagsgeschirr schonender und seltener benutzt wurde und außerdem eher für wert gehalten wurde, dem Museum gestiftet zu werden.

Das Alltagsgeschirr dagegen wurde solange gebraucht, bis es endgültig zerbrach. Während das Gebrauchsgeschirr in seiner Form und Ausgestaltung durch die Funktion vorbestimmt war und die teuren Glasuren sparsam verwendet wurden, konnte der Töpfer bei dem Ziergeschirr eher schöpferisch tätig werden.  Dazu zählt gewiss auch die ausgewählte, schöne Terrine. Die Suppe in einer solchen Terrine konnte nur als Mahlzeit für eine kleine Familie reichen, nicht aber für den gesamten Haushalt einer Bauernwirtschaft. Sie gehört in einen bürgerlichen Haushalt und hatte im Dorf Hohenwestedt, das sich gern städtischen Charakter gab, eine besondere Bedeutung.

Eine weitere, aber kleinere Schüssel aus der Töpferei Kühl befindet sich in der Küche des Heimatmuseums. Auch im schleswig-holsteinischen Landesmuseum trifft man auf eine reichlich verzierte Hohenwestedter Schüssel. Sie zeugt von der außergewöhnlichen Töpferzeit in Hohenwestedt, die seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nachgewiesen ist. An vier Stellen wurden Töpferwaren einfacher Art hergestellt: in den Töpfereien Eggers, Wüpper, Rühmann und Kühl. Den erforderlichen Ton grub man am Hasselbek auf Tappendorfer Feldmark. Die Töpfer fertigten Fliesen, Kacheln und Gebrauchsgeschirr aller Art. Um die Irdenware wasserdicht zu machen, wurde sie glasiert. Man verwendete billige, durchsichtige Bleiglasur, die aus Bleioxid bestand, das mit einer steinernen Glasurmühle zermahlen werden musste, sowie aus Quarzsand. Durch Beimengung von Metalloxiden (Kupfer grün, Eisen braun) wurde die Glasur farbig. Das ständige Einatmen des giftigen Bleioxidstaubes führte bei vielen Töpfern zum frühen Tod.

Neben dem Drehen, Glasieren und Brennen der Irdenware musste sich der Töpfer auch um den Verkauf kümmern. Er tat dieses sowohl im Ort als auch auf den umliegenden Märkten. Händler mit Kiepen, Ziehwagen und Hundefuhrwerk verkauften die Waren in die weitere Umgebung. Der Import von englischem Steingut, das Aufkommen von emaillierten Blechgefäßen sowie das Verbot der giftigen Bleiglasur für Nahrungsbehältnisse führten um 1900 zum Erliegen des Töpferhandwerks. Schlichte Keramik aus Hohenwestedt war nicht mehr zeitgemäß.

Die Ausstellung erzählt über das Töpferhandwerk, die ehemaligen Töpfereien und Ziegeleien in Hohenwestedt und Umgebung und zeigt Zeugnisse aus dieser Zeit in Form von Gebrauchsgegenständen, Fotos u.a., aus der die Blütezeit dieses Handwerks zu damaliger Zeit deutlich wird. Sicher wird die Ausstellung bei vielen älteren Bürgern Hohenwestedts und Umgebung Erinnerungen wecken. Darüber ins Gespräch zu kommen und vielleicht neue Fundstücke aus Familienbesitz aufzutun, könnte ein Ziel der neuen Ausstellung sein, zu der der Museumsverein in der Hohenwestedt-Woche herzlich einlädt.

H. Allais

Die Schildkröte als Spucknapf

In unserem Heimatmuseum findet man in der guten Stube eine Schildkröte aus dunklem Holz, die sehr echt aussieht und zunächst gar nicht in diesen Raum zu passen scheint. Sie ist 31 cm lang, 23 cm breit und 16 cm hoch. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass der Panzer rundum eine Lücke aufweist. Drückt man den Kopf der Schildkröte nach unten, klappt der Panzer mittels einer Hebevorrichtung nach oben. Es öffnet sich die Schildkröte und gibt den Blick auf eine weiße, ovale Schüssel aus Porzellan frei, die in den Körper des Tieres genau eingepasst ist. Wenn man die Herkunft dieses Exponats erfährt, weiß man auch um seine Bedeutung: Im Jahre 1926, also vor 90 Jahren, wurde diese Schildkröte am 9. Juli dem Museum vom Zahntechniker Cäsar Lucht vermacht.  - Gibt es noch lebende Personen in Hohenwestedt und Umgebung, die ihn kannten? – Daraus ergibt sich, dass das Exponat als Spucknapf bei der Behandlung von Patienten genutzt wurde. Dieser Einrichtungsgegenstand war also dazu da, in ihn hineinzuspucken. Damals  behandelten auch Zahntechniker nach erfolgreichem Besuch einer Dentisten-Schule Patienten. Ein Dentist (lat. dens = Zahn) war eine in Deutschland bis 1952 neben den Zahnärzten existierende Berufsbezeichnung für Zahnheilkundige ohne akademische Ausbildung. Wurden früher von den Dentisten zunächst Friseurstühle zur Patientenbehandlung genutzt, entwickelte man später zahnärztliche Behandlungseinheiten, zu denen auch der Spucknapf gehörte, der meistens links vom Patienten stand und den ausgespuckten Speichel aufnahm.

Spucknäpfe gab es schon in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, z.B. aus Eisenguss und bronziert. In dieser damaligen Zeit diente ein Requisit einer bestimmten Funktion, diese durfte aber um keinen Preis in seiner Form zum Ausdruck kommen. Es sollte mehr darstellen, als es ist. So kam man darauf, den Spucknapf als Schildkröte darzustellen. Das Tier ist ein Symbol für Langlebigkeit, Weisheit, Stärke, Ausdauer und Sensibilität. Stand eine Schildkröte neben dem Behandlungsstuhl, sollte diese die Kinder bei der Behandlung ablenken und ihnen die Angst vor der Behandlung nehmen. Noch heute werden entsprechende Behandlungsstühle mit Spucknapf angeboten.

Spucknäpfe haben eine lange Tradition. Sie sind Relikte aus der Zeit, als Männer Tabak kauten und diesen dann nicht auf den Fußboden, sondern eben in einen dafür vorgesehenen Spucknapf entsorgen sollten. In den USA wurde zur Jahrhundertwende viel Kautabak verbraucht. Tabak zu kauen galt als männlich. Im Jahre 1947 wurden 100 Millionen Pfund Kautabak verkauft. In vielen alten Kneipen hingen Schilder an der Theke: Nicht auf die Erde spucken! In der Ecke standen deshalb Spucknäpfe.

Im 19. Jahrhundert litten viele Menschen an ansteckenden Krankheiten. Besonders die Schwindsucht (Tuberkulose) war sehr verbreitet und viele Menschen starben daran. Daher musste man sich Maßnahmen überlegen, um die Ausbreitung solcher Krankheiten möglichst einzudämmen. So wurde beispielsweise in Schulgebäuden auf den Gängen, in den Schulzimmern und auf den Aborten eine genügende Zahl von Spucknäpfen aufgestellt. Diese wurden dann mit antiseptischen Lösungen gefüllt. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs verschwanden fast alle Spucknäpfe in der Öffentlichkeit, weil sie nicht mehr gebraucht wurden.

In der Gegenwart kommen Spucknäpfe meist nur noch bei der Verkostung von Lebensmitteln,  insbesondere bei der Weindegustation, zum Einsatz. Mitunter sind sie auch in Fitnessstudios neben Trinkwasserbehältern anzutreffen.

Auch in China wurde gerne viel gespuckt, öffentlich und privat. Während der Qing-Dynastie  gehörten goldene Spucknäpfe zu den zahlreichen Objekten, die vor dem Kaiser bei großen Zeremonien ausgestellt wurden. Viele Spucknäpfe waren üblicherweise aus Porzellan mit reichen Verzierungen und Bemalungen. Erst in den späten 1980er Jahren verschwanden die öffentlichen Spucknäpfe in China.

H.Allais

 

Die Schusterkugel

Die Schusterkugel hängt in unserem Museum am Arbeitsplatz eines früheren Schusters. Besonders die Schuster gehörten zu den ärmeren Handwerkern, deren Werkstätten oft nur unzureichend vom Tageslicht erreicht wurden. Hier spendete die Schusterkugel das nötige Licht, und der Schuster konnte dieses auf seinen Arbeitsplatz fokussieren, um Feinarbeiten durchzuführen. Die Schusterkugel (auch Schusterlampe) ist ein mit Wasser gefüllter farbloser Glaskolben in Kugelform, der diffuses Licht der Sonne, einer Kerze oder einer  Öllampe wie mit einer Sammellinse  bündelt und verstärkt; so wurde der Arbeitsplatz besser ausgeleuchtet. Durch die runde Form der Kugel wird das eintreffende Licht auf einen kleineren Bereich gebündelt. Auf diese Weise konnten auch die lichtschwachen Stunden des Tages während der Dämmerung zur Arbeit genutzt werden, denn elektrische Lichtquellen gab es noch nicht. Unsere Schusterkugel ist mit einem Lederriemen versehen, mittels dessen sie an einem Holzgestell vor einer Öllampe aufgehängt werden konnte. Da der Riemen mehrere Löcher hat, konnte die Höhe variiert werden. Auch andere Berufsstände wie Schneider, Goldschmiede, Uhrmacher oder Holzschnitzer bedienten sich der Schusterkugel.

Schon die alten Griechen und Römer kannten laut Seneca und Plinius die vergrößernde Wirkung einer mit Wasser gefüllten Kugel, die z. B. von Ärzten zum Brennen verwendet wurden und bei den Arzneihändlern käuflich waren. Schon seit dem 12./13. Jahrhundert kennt man Schusterlampen, die deshalb auch „Scheinwerfer des Mittelalters“ genannt wurden.

Bereits im alten Ägypten konnten Glasgegenstände hergestellt werden, und dabei wurde entdeckt, dass beim Betrachten dieser Gegenstände bestimmte merkwürdige Verzerrungen beim Hindurchsehen im Zusammenhang mit Licht entstehen. Bereits Claudius Ptolemäus (etwa 85-160 n.Chr.) war der Erste, der diese Lichtbrechungen in mit Wasser gefüllten Glaskugeln untersuchte.

1665 veröffentlichte Robert Hooke sein bahnbrechendes Werk „Micrographia“, das zahlreiche mikroskopische Abbildungen enthält. Einer seiner zahlreichen Verdienste war die Optimierung der Beleuchtung mit Hilfe einer wassergefüllten Kugel, die vor einer Öllampe angebracht wurde. Sie hing an einem Ständer, dem Lichtgalgen. Diese „Schusterkugel“ spielte auch eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Mikroskop, Teleskop und Fernrohr im 17. Jahrhundert.

Die Versuche der Ärzte, Körperhöhlen durch geeignete Instrumente sichtbar zu machen, sind alt. Mit Zunahme der optischen Kenntnisse in der Renaissance wurde versucht, Camera obscura und Schusterkugel für endoskopische Zwecke nutzbar zu machen.

Neben dem Fokussieren war das Filtern der Wärmestrahlung der Lichtquelle ein erwünschter Effekt der Schusterkugel. So konnte man mit temperaturempfindlichen Materialien nah an einer starken Lichtquelle arbeiten.

Es gab auch Abänderungen der Schusterkugel. So wurden vier solcher Kugeln um eine Lichtquelle gehängt, um deren Licht zu vervielfältigen. Später wurde versucht, den Lichtschein durch zusätzlich in die Glaskugel eingebrachte Streu- oder Reflexionskörper wie Metallspäne oder Grieß zu verstärken; aus diesen Versuchen ging die erste Schneekugel hervor. 

Eine kleinere Version der Schusterkugel fand bei früheren optischen Mikroskopen Verwendung.

Die zur Mantik verwendeten Glas- oder Kristallkugeln bei Wahrsagern oder Spiritisten waren oftmals Schusterkugeln.

Es gibt Schmieden, die heute Schusterkugeln zu dekorativen Zwecken wieder herstellen, z.B. für Wohnräume.

Eine neuerliche Anwendung des Prinzips der Schusterkugel wird in den Slums von Manila zur Beleuchtung der fensterlosen Wellblechhütten eingesetzt. Dabei wird eine mit Wasser und Bleichmittel gefüllte Plastikflasche so in das Dach eingelassen, dass der untere Teil der Flasche in die Hütte ragt, der obere in den Himmel. So fällt das Licht von Sonne oder Mond auf die Flasche, die das Licht dann in das Innere der Hütte leitet und verteilt. Die Leuchtstärke soll bei Sonnenlicht etwa der Stärke einer 50 W-Glühbirne entsprechen. Das Bleichmittel in der Flasche dient zur Hemmung des Algenwachstums.

1950 veröffentlicht Hans Sachs seinen Schwank „Die Schusterkugel“.

H.Allais

Das Hechelbrett

Neu im Besitz des Heimatmuseums ist ein Hechelbrett, das in den Ausstellungsbereich des Spinnens – vom Schaf zur Wolle – hineinpasst und von der Familie Raabe aus Schacht-Audorf geschenkt wurde. Es stammt aus Brasov in Rumänien, besser bekannt als Kronstadt in Siebenbürgen. Die Uroma von Frau Raabe hat noch bis etwa 1960 damit gearbeitet. Teilweise werden diese Bretter noch heute in den Bergen für das Kämmen von Schafwolle verwendet.

Die auf dem Hechelbrett befestigte Hechel war ursprünglich ein kammartiges Werkzeug mit Draht- oder Eisenspitzen, durch dessen Zähne der Flachs hindurchgezogen wurde, um ihn zu säubern und zu glätten. Sie wurde bereits im Mittelalter zum Hecheln von Flachs benutzt.

Der Flachsanbau war die wesentliche Voraussetzung der bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts blühenden Leinenweberei. Leinsamen wurden ausgesät und waren nach 100 Tagen reif. Der Flachs wurde geerntet, gebündelt, getrocknet, in Wasser gelegt und wieder getrocknet. Die harten Pflanzenteile wurden herausgebrochen, die Fasern weich geschlagen. Mit einer Abzugshechel wurden die oberen Spitzen der Pflanzen abgezogen, danach mit einer Grobhechel gekämmt, so dass die kurzen Fasern ausgekämmt und die langen Fasern gleichmäßig ausgerichtet wurden. Darauf folgte das Feinhecheln mit sehr eng stehenden und feineren Nägeln bzw. Stiften im Hechelbusch, wie bei unserem Exponat. In der Mitte des Hechelbrettes befand sich der runde, etwas erhöhte Hechelkopf mit den nadelspitzen Stahlnägeln, durch den der Flachs von den Frauen ausgekämmt wurde. Was man auskämmte, war die Hede, was zurückblieb die spinnfähige Flachsfaser, ein dünner Strang sauber durchkämmter langer Flachsfasern. Mehrere Stränge wurden locker zusammengedreht und mit den Spitzen zusammengewickelt und nun zum Verspinnen auf den Wockenstock des Spinnrades gezogen. Die Flachsfasern sind jetzt so fein, dass daraus Leinengarn gesponnen werden kann.

Das Hecheln war bei der Flachsgewinnung die mühevollste Arbeit. Hechelbretter aus Eichen-, Rüster- oder Pappelholz gehörten zum traditionellen Brautschatz und wiesen oftmals eine Verzierung auf. Hechelbretter wurden auch in Hechelstühle eingeklemmt, damit die Frauen beim Flachshecheln vor dem Hechelstuhl sitzen konnten.

Spinnen ist eine angenehme Tätigkeit. Wenn es am Abend in geselliger Runde geschieht und lustige Geschichten erzählt werden, dann wird „geflachst“. So entstand die Redensart „einen durchhecheln“ oder „jemanden durchziehen“, was bedeutet, dass unverblümt und mit spitzer Zunge über schlechte Eigenschaften eines Abwesenden gesprochen wird. Wenn zwei  Frauen zusammenkommen, wird die dritte „in die Hechel genommen“. „Wie auf Hecheln sitzen“ heißt: auf glühenden Kohlen sitzen. Früher nannte man eine Lehrerkonferenz auch „Hechelkränzchen“.

Aus der Nebenbeschäftigung der Bauern entstanden u.a. die Berufe der Spinnerinnen und Handweber.

Zwischen 1880 und 1900 wurde in den meisten Gegenden die ländliche Verarbeitung des Flachses bis zum fertigen Leinen aufgegeben. Der Flachsanbau war aufwändig, die Textilindustrie preiswerter.

H. Allais